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Golf 16V oder: der sechzehnte Versuch

87er Golf GTI 16V

Mein gesamtes bisheriges Autofahrerleben war ich ein glühender Golfhasser. Das lag zum einen an der Käferliebe, zum anderen an der Langeweile bzw. Peinlichkeit, die serienmäßige respektive getunte Gölfe so ausstrahlen.

Als aber das Ende der '98er Cabriosaison und das Ende des Getriebes in meinem '70er Käfer-Cabrio auf denselben Tag fielen und ich nicht schon wieder einen Winter lang mit einem geliehenen Trabi rumhühnern wollte, begab es sich ergo, daß ein Winterauto her mußte. Nein, kein 16V. Bin ich Krösus? Nicht mal ein Golf sollte es sein, ich dachte mehr so an BX oder Subaru, was Nettes halt, was nicht an jeder Ecke steht. Ein Kumpel rief aber, meinem Ruf als inoffizielle Altautoannahmestelle folgend, drei Tage später an und bot just in time seinen verunfallten '89er Golf zum Kaufe. Golf?

Naja, ankucken kostet nix.

Ein weißer Manhattan ("man hättn oder man hättn nich", witzelte der Kumpel), vorn deutlich und hinten wenig angeditscht, 1 Jahr TÜV oder so, U-Kat, 1.000 Mark. Naja, geht noch. Der VW-Händler hatte ihn kräftig übern Tisch gezogen mit einem Reparatur-Kostenvoranschlag um 8.000 Mark, er hatte stattdessen dem Händler eine Standuhr vom Gebrauchtwagenhof abgenommen und wollte nun das vermeintliche Wrack loswerden. Alle waren glücklich.

Gebrauchtteile für 500 Mark und einen Abend Schrauben später fuhr die Karre wieder, wenn auch mit leichten optischen Mängeln, dennoch aber sehr zur Verblüffung des Kumpels – und ich führe ihn vielleicht heute noch, wäre nicht der Titel-16V in mein Leben getreten. Und das kam so:

Kollege kommt an, "Erik, willste nich meinen Golf kaufen, 900 Mark?" 87er GTI 16V, 246.000 km, Ausstattung komplett außer Klima und Elektroschnickschnack, Kat kaputt, 3 Monate TÜV. "Nö, hab schon'n Golf." Zwei Tage später: 700 Mark. "Nö, hab schon'n Golf." Noch'n Tag: 600 Mark. "600 Mark für'n Satz Alus? Nö, hab schon'n Golf." Bei 200 konnt ich dann aber nicht mehr nö sagen: "Na gut, eh du ihn mir übermorgen schenkst..."

Und auf dem Weg zur Halle, wo ich ihn hatte schlachten wollen, merkte ich, wieviel netter ein 16V mit Servo und Schiebedach fährt als ein 1600er Manhattan mit Viergang ohne alles. Und dann war's nicht mehr weit bis zur kreativen Selbstüberzeugung, daß ein 16V soo viel teurer doch gar nicht sei. Immerhin G-Kat...

Also flugs AHK und die fast neuen Winterreifen vom Manhattan an den 16V gebosselt und letzteren mit'm Satz Räder vom Schrott für 2.300 Mark nach Bulgarien oder so vertickert, vom Erlös den Kat getauscht und AU gemacht (der Rest ging für die Schulden drauf) und erstmal gefahren.

Und auch erstmal verliehen, an Bernd Felsche aus Australien, der einen passenden fahrbaren Untersatz für seinen Europa-Urlaub brauchte. Davon berichtet er (naturgemäß in englischer Sprache) auf seiner Seite: European Drive. Der Golf kam besser zurück, als er abfuhr: nicht nur Door Plates (Einbruchschutz) hatte er, sondern auch neue Antriebswellenmanschetten. Dafür kein Radio mehr, aber egal, da kann ja Bernd nix für. Der Deal hat sich jedenfalls für beide Seiten gelohnt.

TÜV ist optional, "nice to have" sicherlich, aber optional. Man fährt halt mal hin, holt sich 'n Mängelschein und repariert das nötigste, hier die hinteren Bremsen. 500 Mark, naja, ich mußte ja unbedingt den 16V behalten, grumpf. Aber fuhr nett, doch, ja. – Erwischt haben sie mich verblüffenderweise erst im Sommer 2000, satte 17 Monate nach Termin. "Geben Sie die Tat zu?", fragt der Freund und Helfer. "Mann, ich sitz noch in dem Auto, sollich jez leugnen oder watt?" Naja, andere kassieren Punkte für besoffen zu schnell bei rot über die Ampel, was soll's also. Noch rasch die hinteren Dämpfer ersetzen lassen, dann TÜV – bis März, dank der Rückklebeverordnung, diesem Dukatenesel für den technischen Überraschungsverein. Schnell war ich wieder -zig Monate überfällig, dabei war ich erst vor nem Dreivierteljahr da... aber da war der Krümmer noch heile und die Handbremse auch, naja, mußte ich wohl mal wieder überziehen. Diesmal war TÜV teuer, über 1.500 Euro – aber wegschmeißen kann ja jeder. Noch teurer war nur das Stehenlassen an der Straße ohne TÜV: die Tickets akkumulierten sich zu einigen hundert Mark, vor allem aber zu 11 Punkten in Flensburg, was mir eine Nachschulung bescherte. Die war allerdings recht lustig, vor allem die Gesichter, als jeder erzählen durfte, was er denn so angestellt habe: "Parken ohne TÜV."

Inzwischen ist der Golf auch schon auf dem weiten Weg der optischen Verbesserung. Zum einen schmücken ihn nämlich mittlerweile die (einigermaßen) aufpolierten originalen 14"-Alufelgen mit teuren, aber wirklich sehr guten Toyo-Proxes-Reifen in der nicht originalen Dimension 195/55R14, zum anderen ist der noch vom Vorbesitzer dringewesene "Plönk" (eine Beule vorn links mit gleichnamigem Aufkleber) mittlerweile verschwunden, nachdem ich mich auf den alten Winterreifen in einer Autobahnabfahrt gedreht und geschickterweise genau den kaputten Kotflügel nochmal angeplönkt hatte. Der neue Kotflügel kam schon in der richtigen Farbe für 30 EUR vom Schrotter – ich sag's ja immer wieder: billiger kann man kaum autofahren.

Bis auf den Zentimeter Reifenbreite habe ich aber nach wie vor allen Tuning-Versuchungen widerstanden – bis auf zwei: das "Spucknapf"-Lenkrad aus dem Blechstoßstangen-Golf 1 GTI und der "Golfball"-Schaltknauf von Kamei, den ich noch von meinem ersten Käfer habe, mußten einfach sein. Beides ist trivial gegen die natürlich aufbewahrten Originalteile austauschbar. Und sogar das Radio ist inzwischen wieder original: ein '87er Volkswagen Gamma 2 Cassette befeuert die vier Lautsprecher, ganz wie früher (und oft auch mit Musik aus dieser Zeit, teilweise sogar von Cassetten, die bespielt wurden, als mein Golf ein junger Gebrauchter war ...).

Ein bißchen zeittypisches Zubehör kommt noch: innen angebrachte Weitwinkel-Zusatzspiegelchen zum Beispiel, Windabweiser aus Plexiglas an allen vier Türen und, weniger zeittypisch, aber umso praktischer: eine Fernbedienung für die Zentralverriegelung. Außerdem werde ich bestimmt auch mal einen Tempomat nachrüsten – Anhängertempo mit einem 16V unter der Haube gibt üble Krämpfe im Gasfuß. Denn sein Super-Plus verdienen muß er sich schon, wie das untenstehende Bild von unserem Schrauberhallenumzug zeigt.

Mein Golf mit überladenem Tandemanhänger

Und wie lebt man nun als überzeugter Käfertreter mit einem 16V?

Es gab da mal eine Käferreklame in den 60er Jahren mit dem schönen Slogan "Ugly is only skin deep", in etwa also "die Häßlickeit ist nur oberflächlich". Das hab ich beim Käfer nie so empfunden, aber zum Golf paßt's. Dieses Auto ist so brav und unauffällig, anspruchslos und günstig in Reparatur und Verbrauch, daß man es nach einer Weile einfach liebhaben muß. Klar, die 129 PS helfen da auch, keine Frage – wie die anderen netten Extras von ZV bis Elektrospiegel, vor allem aber von Servo über ABS bis Schiebedach. Man gewöhnt sich an sowas.

Das Besondere ist aber eher, daß all die Annehmlichkeiten eines modernen Autos gepaart sind mit der geradezu legoesken Simplizität eines Golf 2, wo man Frontschäden mit dem Schraubenschlüssel reparieren kann und jedes Teil auf dem Schrottplatz nachgeworfen bekommt. Beim Golf 4 brechen sich die Kollegen schon beim Glühlampenwechsel die Finger. Kasko braucht man auch nicht, wenn der maximal mögliche Schaden am Auto unter 2.000 Euro liegt, und Einkaufswagendellen kosten auch bloß ein Lächeln, praktisch. Dazu noch die subtile Individualität, den einzigen Golf 2 GTI 16V in der heimatlichen Großstadt ohne schwarze Rückleuchten und ebensolche Folie an den hinteren Seitenscheiben zu fahren, und sogar von den Eltern Anerkennung der Art "endlich mal ein vernünftiges Auto" ... doch, das hat was. "After a few years, it even starts to look beautiful", sagt die alte Käferreklame. Recht hat sie.

Und wer weiß, vielleicht fahr ich 2017 ja einen originalen Golf 2 GTI 16V mit H-Kennzeichen und 540.000 km auf dem ersten Motor? Knapp die Hälfte der Zeit und gut die Hälfte der Kilometer hab ich schon. Aber man soll ja nicht zuviel erwarten, das nächste Ziel ist erstmal der Mond: in knapp 50.000 km ist es soweit. Ein Käferfan gewöhnt sich an das Leben mit einem Golf. Es wurden schon seltsamere Dinge beobachtet, aber nicht von verläßlichen Zeugen...

Links

Die GTI 16V Owner Registry auf GTI16V.org führt meinen Golf auch schon.


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Zuletzt bearbeitet am 24. Juli 2004